Hans Roth (Hessen, heute im Exil in Frankreich)

Der „Fall“ des ehemaligen Bundeswehr-Oberleutnants, der als aufrechter Demokrat eine antifaschistische Zeitung über Folterübungen bei der Bundeswehr informierte, verfassungswidrige Ansinnen und dann den Kriegsdienst verweigerte, woraufhin ihm der Schuldienst verwehrt wurde, kann einerseits zu den besonders krassen Auswüchsen des „Radikalenerlasses“ gezählt werden. In diesem Sinn dokumentierte ihn 1988 das Büro des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt (1913-1992) für dessen sogenannte „Extremisten-Sammlung“. Der „Fluch der bösen Tat“ (Friedrich Schiller: Wallenstein. Die Piccolomini, 5.Aufzug, 1.Auftritt Octavio) – auf Brandt ging bekanntlich 1972 der „Radikalenerlass“ zurück – hatte den vormaligen SPD-Vorsitzenden sozusagen eingeholt ...

 

Andererseits weisen die Abläufe bei Hans Roth Umgereimtheiten auf, die von den „klassischen“, sonst bekannten Schicksalen abstechen. Wie in diesem Fall Sachverhalte gefälscht, trotzdem von einer willfährigen Presse – erkennbar ohne journalistische Überprüfung - zwecks Rufmord kolportiert, wiederholte Ablehnungen der rechtsstaatlichen Prüfung entzogen wurden, die nachträgliche Aufklärung blockiert, trotz erkannten Unrechts jede Rehabilitierung und Wiedergutmachung mit Schweigen übergangen, weggeredet, sabotiert wurde – das war so krass nicht flächendeckend allgemein üblich und lässt schon eher an „höhere Mächte“ im Sinne eines „tiefen Staates“ denken.*

 

Hans Roth hatte wohl gute Gründe, auf der Flucht vor seine Existenz bedrohenden Netzwerken und Seilschaften irgendwann von heute auf morgen nach Frankreich ins Exil abzutauchen, weil er sich damals nur noch dort halbwegs sicher fühlte. Reflexionen über Berufsverbote und Demokratie, die er (zusammen mit dem Einverständnis, seine Geschichte hier öffentlich zu machen) der Redaktion dieser Website schickte, vermitteln einen Eindruck davon, wie er politisch denkt und das von ihm Erlebte selbst verarbeitete.

 

Nadja Thelen-Khoder hat in einem mehrere hundert Seiten langen Text „Der Freiherr und der Citoyen“, den sie in sieben „Bücher“ gliederte, die Begebenheiten, Zusammenhänge und das Medienecho aus mehreren Jahrzehnten minutiös dokumentiert und kommentiert.

Gesamt-Inhaltsverzeichnis - Exposé der Autorin - Erstes Buch - Zweites Buch - Drittes Buch  - Viertes Buch - Fünftes Buch - Sechstes Buch - Siebtes Buch

 

Um welchen „Freiherrn“ geht es? Dazu die Autorin in einem Begleitschreiben. „Es gibt Artikel oder sogar Bücher über das CEDI ...  über die Abendländische Akademie ... über die Abendländische Aktion ... über das Komitee „Rettet die Freiheit“ ... über den Kalten Krieg ... über Vietnam ... über verdeckte Operationen ... über Algerien ... über die „Spiegelaffäre“ ... über Friedrich August Freiherr von der Heydte ... über Maxwell D. Taylor … über Jacques Massu …über den Orden der Ritter vom Heiligen Grabe zu Jerusalem ... über den National-Katholizismus Francos ... über Otto von Habsburg als Thronfolger im Escorial ... über das faschistische Griechenland 1970 ... über Gladio ... über Hans Roth ... Aber es gibt keinen Artikel und kein Buch – jedenfalls habe ich keines gefunden - , in dem der Name Friedrich August von der Heydte im Zusammenhang mit all dem oben Genannten zusammen erwähnt wird. Eben dies tut mein Buch Der Freiherr und der Citoyen. Es gibt diesen Goliath, der irgendwie irgendwo irgendwann mit allen zusammengekommen ist, als kleinster oder größter gemeinsamer Nenner sozusagen.“

 

Schaurig aktuell klingen die Schilderungen angesichts des 2017 aufgedeckten Skandals eines Bundeswehrangehörigen mit nicht verheimlichter (aber ohne Konsequenzen gebliebener) Nazi-Gesinnung, der Mordanschläge auf prominente Politiker geplant haben soll, die dann einem „Flüchtling“ in die Schuhe geschoben werden sollten, in dessen fingierte Identität er anscheinend problemlos selbst schlüpfen konnte.

Dazu erschien beispielsweise – Stand 03.05.2017 – ein aufschlussreicher Bericht der Stuttgarter Zeitung. Unerwähnt blieb dort allerdings, was am 27.04.2017 in der ARD-Tagesschau berichtet worden war:  „Der gestern bei einem Bundeswehr-Lehrgang in Hammelburg in Unterfranken festgenommene Mann stammt aus Offenbach. ...“ Vom „Ausbildungszentrum Infanterie“ in Hammelburg war danach in  den Medien nicht mehr die Rede. Auch die „Notstands“übungen von 1969, wegen der Oberleutnant Hans Roth den Dienst quittierte, fanden in diesem Ausbildungszentrum statt. Und sicher im Lauf der Jahrzehnte noch einiges mehr, was das Licht der demokratischen Öffentlichkeit scheut. Ausführlich legte Nadja Thelen-Khoder in ihrem Begleitschreiben die Zusammenhänge dar.

 

Nachdem frühere Bemühungen (auch beim Hessischen Landtag) ergebnislos verliefen, wie im Buch geschildert, reichte sie am 5. Oktober 2016 eine dritte Petition beim Deutschen Bundestag ein. Darin bezieht sie sich auf die Darlegungen und Nachweise ihres Buches. In dem genannten Begleitschreiben zerpflückt sie sie die Darstellung, die das Hessische Kultusministerium 2010 zur Zurückweisung ihrer früheren Petition vorlegte, materialgestützt Punkt für Punkt. In einem Schreiben an den Deutschen Bundestag vom 27.12.2016 hatte sie dargelegt, warum sie die frühere Behandlung Ihres Anliegens keineswegs als „ordnungsgemäß“ ansehen kann, was in der Antwort aus Berlin vom 12.01.2017 zum wiederholten Mal abgebügelt wurde. Ob die Antwort des Petitionsausschusses vom 14.03.2017 Anlass zu Hoffnungen gibt, dass im Lichte der jüngsten Ereignisse das damalige Schicksal von Hans Roth tatsächlich einmal aufgearbeitet wird, das wird sich zeigen.

 

Die Glaubwürdigkeit der Versicherungen, in der Bundeswehr mit allen Strukturen aufzuräumen, die mit ihrem verfassungsmäßigen Auftrag nichts zu tun haben, wird nicht zuletzt davon abhängen, ob Hans Roth endlich die seit Jahrzehnten überfällige vollumfängliche Rehabilitierung erfährt!

 

Fernsehbericht „Radikalenerlass und Notstandsgesetze“ (mp4) 1978 im SWF-Report Baden-Baden (Vorläufer des heutigen SWR)

 

* Von den zahlreichen Literaturangaben, die im Siebten Buch zu allen hier angedeuteten Zusammenhängen zu finden sind, sei hier nur verwiesen auf das Buch von Jürgen Roth: Der tiefe Staat. Die Unterwanderung der Demokratie durch Geheimdienste, politische Komplizen und den rechten Mob (München 2016)

 

Hinweis: Eine Reihe der in dem Buch enthaltenen Links funktionieren nicht mehr, seit das Material einer breiteren Öffentlichkeit übergeben wurde. Warum das so ist, darüber kann nur spekuliert werden. Wir besitzen nicht die Ressourcen, um solche Links ständig zu überprüfen und aktuell zu halten. Es sind jedoch alle angegebenen Quellen und Dokumente verfügbar und wir stellen sie auf Anfrage gern zur Verfügung.