hier konkret
Interview mit Michael Csaszkóczy
konkret, August 2004, Seite 3
Nach mehr als 20 Jahren gibt es wieder ein Berufsverbot: Wegen seiner
Mitgliedschaft in der Antifaschistischen Initiative Heidelberg soll
Michael Csaszkóczy nicht Lehrer werden dürfen.
konkret:
Sie dürfen in Baden-Württemberg nicht Realschullehrer für Deutsch,
Geschichte und Kunst werden, weil der Innenminister meint, Sie böten
"nicht jederzeit Gewähr, für die freiheitlich demokratische Grundordnung
einzutreten". Das ist für einen Lehramtskandidaten, der beide
Staatsexamen gemacht hat, erst mal sehr ärgerlich. Aber dann - fühlt
sich, wer von den Erben des Nazi-Richters Hans Filbinger so gefürchtet
wird, nicht auch ein wenig stolz? Und auch ein bißchen dankbar, daß
Filbingers Söhne mit Ihnen nicht mehr verfahren können wie einst ihr
Übervater mit dem Matrosen Gröger?
Csaszkóczy:
Die Berufsverbote waren und sind eine antidemokratische Waffe. So bitter
die Situation für mich persönlich auch ist: Für jemanden, der sich
radikal für Demokratie eingesetzt hat, ist es natürlich politisch auch
ein Zeichen dafür, dass er seine Sache gut gemacht hat, wenn eine solche
Waffe gegen ihn in Stellung gebracht wird. Dass ich meine Sache
allerdings so gut gemacht habe, dass an meiner Person nach zwanzig
Jahren ein neuer Präzedenzfall hochgezogen wird, hätte ich selbst in
Zeiten kühnster Selbstüberschätzung nicht vermutet. So krisengebeutelt
ist der Kapitalismus dann doch nicht, dass er sich von einer lokalen
antifaschistischen Initiative bedroht fühlen müsste. Natürlich bin ich
froh, dass Kultusministerin Schavan als Parteifreundin der Herren
Kiesinger und Filbinger heute an gewisse rechtsstaatliche Normen
gebunden ist. Allerdings hätte vor zehn Jahren noch niemand gedacht,
dass der Radikalenerlass im neuen Jahrhundert eine Renaissance erlebt -
ginge es tatsächlich nach rechtsstaatlichen Maßstäben zu, dürfte das
ganze Verfahren um meine Einstellung nicht stattfinden.
konkret:
Zwölf Jahre lang hat der Verfassungsschutz Sie beobachtet. Da müssen -
bei einem Menschen, der sich Antifaschist nennt - ja eine Menge
schwerster Verfehlungen zusammengekommen sein, oder?
Csaszkóczy:
Die Erkenntnisse, die der Inlandsgeheimdienst da zusammengetragen hat,
sind denkbar banal. Da wird zum Beispiel berichtet, dass ich mich
schützend vor ein Flüchtlingsheim gestellt habe, dass ich eine
Demonstration gegen die Kriegspolitik der BRD gegen Jugoslawien
angemeldet habe, dass ich am Versuch beteiligt war, einen Nazi-Aufmarsch
zu verhindern und besonders bemerkenswert -, dass ich als Autor an
einer historischen Dokumentation über eine Widerstandsgruppe im
Nationalsozialismus beteiligt war. Für einen deutschen Geschichtslehrer
scheint das eine besonders schlimme Verfehlung zu sein. Letzten Endes
ging es bei dem "vertieften Einstellungsgespräch" im Oberschulamt aber
um gar nichts, was ich gesagt, getan oder geschrieben haben soll,
sondern einzig und allein um meine Mitgliedschaft in der
Antifaschistischen Initiative Heidelberg (AIHD). Insbesondere störten
die Damen und Herren sich an zwei Passagen im Grundsatzpapier dieser
Gruppe. In der einen heißt es, dass die AIHD der Überzeugung ist, dass
sich auf parlamentarischem Wege nichts Grundlegendes an den
Machtstrukturen dieser Gesellschaft ändern wird, die andere lautet:
"Militanz, die sich durch angemessene Zielgerichtetheit, permanente
Selbstreflexion, konsequente Abwägung und hohes
Verantwortungsbewusstsein der Agierenden auszeichnet, betrachten wir als
ein legitimes Mittel im Kampf um Befreiung". Ich wurde aufgefordert,
mich von dem genannten Text zu distanzieren oder mich dazu zu bekennen.
Dazu war ich vor einem solchen Gremium und erst recht in dieser
pauschalen Form nicht bereit.
konkret:
Sie wehren sich gegen die Entscheidung der Kultusministerin. Wer hilft
Ihnen?
Csaszkóczy:
Hier in Heidelberg hat sich sehr schnell ein Solidaritätskomitee
gegründet, in dem nicht nur Genossinnen und Genossen aus meinem
politischen Umfeld aktiv sind, sondern auch Mitglieder der Roten Hilfe,
ehemalige Berufsverbotsopfer aus den 70er Jahren und Menschen, die sich
immer noch als Linksliberale bezeichnen würden. Die GEW hat sich nach
anfänglicher Skepsis erfreulich eindeutig für mich positioniert und
gewährt mir für den Prozess, der sich ja noch sehr lange hinziehen kann,
Rechtsschutz. Auch das Komitee für Grundrechte und Demokratie ist
mittlerweile aktiv geworden.
konkret:
Irgendwann werden Sie gewinnen, spätestens beim Europäischen Gerichtshof
für Menschenrechte, wo ja auch eine Lehrerin, die in den 70ern
Berufsverbot erhalten hatte, zwanzig Jahre später Recht bekam.
Vielleicht kriegen Sie dann ja den Verdienstausfall erstattet.
Csaszkóczy:
Ganz so zuversichtlich bin ich da nicht. Zum einen betraf die
angesprochene Entscheidung von 1995 eine bereits auf Lebenszeit
verbeamtete Lehrerin, bei mir geht es um die Verweigerung der
Einstellung - juristisch könnte das einen Unterschied machen. Zum
zweiten hat sich auch das Klima, in dem der EGMR seine Urteile fällt,
gewandelt. In den vergangenen zehn Jahren hat die Bedeutung der Bürger-
und Menschenrechte nicht gerade zu- und die Machtposition Deutschlands
in Europa nicht gerade abgenommen. Die Frage, ob die BRD mit der
Wiederbelebung der Berufsverbote durchkommt, ist weniger eine
juristische als eine politische.
konkret:
Die Frage ist schon vor dreißig Jahren heftig diskutiert worden und
stellt sich jetzt aufs neue: Warum ein Mensch einem Staat, den er so
wenig mag wie der ihn, als Beamter, das heißt: Staatsdiener dienen will?
Csaszkóczy:
Ich will Lehrer werden, nicht um Beamter zu sein, sondern weil ich gerne
Wissen und Fähigkeiten vermittle und gerne mit Jugendlichen arbeite. Ich
habe nicht die geringste Lust, in einen Wettbewerb um die staatsfrömmste
Gesinnung einzutreten, aber ich finde es legitim zu konstatieren, dass
immer, wenn in der BRD zentrale Verfassungsgrundsätze - etwa das
Asylrecht oder das Verbot eines Angriffskrieges - zur Disposition
standen, radikale Linke es waren, die die im Grundgesetz
festgeschriebenen Bürger- und Menschenrechte, von denen einige in der
Praxis ohnehin schon bis zur Unkenntlichkeit entstellt sind,
verteidigten. Dahinter darf es kein Zurück geben.
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